Was sich mit Worten nicht festhalten lässt

für 8-stimmigen Chor (2026)

(10min)

Information

Erinnerungen sind ihrer Natur nach fragmentarisch. Handlungen, Sinneseindrücke und Gefühle vermischen sich, verblassen und werden schwer greifbar. So erscheinen auch die Erinnerungen im Romanauszug von Verena Gotthard. In poetisch verdichteter Sprache ziehen Kindheitserinnerungen vorüber. Sätze reihen sich aneinander, bleiben mitunter unvollständig und eröffnen einen kindlich-unbefangenen Blick auf das Leben. Zugleich entfalten sie eine besondere Ausdruckskraft: Farben, Wörter und Laute verbinden sich zu beinahe musikalischen Abfolgen.

In meiner Vertonung steht dieses Fragmentarische im Mittelpunkt. Das Werk folgt keiner durchgehenden Erzählung, sondern reiht Augenblicke, Sätze und Wörter aneinander.

Das Textmaterial der Komposition umfasst zwei Ebenen: Sätze, die dem Textauszug entnommen und ausschließlich solistisch gesungen werden, sowie einzelne Wörter, die nach ihren Lauten zu fünf Gruppen geordnet sind. Sie bilden ein Destillat der besonderen Klanglichkeit von Gotthards Sprache. Die Wörter erklingen jeweils in vierstimmigen Akkorden:

  • /m/: Mädchen, Sommer, Himmel, Meer, Stimme, schwimmen

  • /ü/: grün, Hütte, Tür, Hügel, Füße, Frühling

  • /w/: Wind, Wasser, gewachsen

  • /sch/: Schuster, Stimme, Fische, schwimmen

  • /f/: Fische, Felder, Fenster, fliegt

Die Komposition folgt einer einfachen Dramaturgie: Zu Beginn stehen die Sätze im Vordergrund – solistisch, im Kanon oder simultan erklingend. Einzelne Choreinwürfe durchbrechen diese Abschnitte. Im zweiten Teil treten die einzelnen, nach ihren Lauten geordneten Wörter in den Vordergrund. Das harmonische Material beschränkt sich auf wenige Ausgangsakkorde. Durch die wiederholte Aufspaltung des Chores in zwei Chöre werden diese schattenhaft verdoppelt und zu Polychorden aufgefächert. Glissandi verstärken den Eindruck des Auseinanderdriftens. Im letzten Teil lösen sich schließlich auch die Wörter auf: Von den fünf Wortgruppen bleiben nur noch ihre gemeinsamen Laute übrig. Mit dem Verblassen der Worte verblassen auch unsere Erinnerungen: „Du kannst nicht festhalten, was sich mit Worten nicht festhalten lässt“ (Gotthard).

Auch die visuelle Gestaltung der Partitur greift Gotthards Sprachstil auf. Auslassungen und modulare Blöcke erzeugen das Bild von Erinnerungsfragmenten, die sich überlagern und durcheinanderwirbeln.

 

Text: Verena Gotthardt - Die jüngste Zeit